Am Sylvensteinspeicher vorbei / Tag 2

Wir sind schon ziemlich schwer beladen, grenzwertig eigentlich, viel mehr ginge gar nicht mit. Neben dem Anhänger sind meine beide Satteltaschen voll und in meinem 60L Rucksack ist ungefähr 12kg Kameraausrüstung drin. Luca trägt seinen Rucksack mit unseren Regenklamotten und seinem Kuscheltier. Oh, und ich glaube auch noch ein Schweizer Taschenmesser, ein Multitool, ein super-cooles Klappmesser das wir von Conrad Anker geschenkt bekommen haben, dazu noch anderen Schnickschnack, den Jungs so mit sich bringen. Der Anhänger ist einfach übel, und heute morgen als ich beim Einpacken war, grauste es mich schon aufs Rad zu steigen. Es geht rein um das Prinzip, über den Sinn davon alles was wir für die Tour brauchen selber zu tragen kann man sich auf alle Fälle streiten, denn wir sind ja nicht irgendwo im Yukon, in Patagonien oder sonnst wo wo man zwangsläufig alles was man zum Vorankommen und zum Leben braucht mit schleppen muss, wir radeln gerade durch das Bayerische Voralpenland! Banal natürlich, aber wenn es bei den Dingen die man als Mensch tut nicht um seine eigenen Prinzipien und Überzeugungen geht, warum überhaupt etwas tun?

Aber, wenn man dann aus Prinzip eine Idee in die Tat umsetzt, wird man des öfteren schonungslos auf den harten Boden der Tatsachen geholt und so war es als wir die ersten Meter auf den Bikes saßen! Es tat verdammt weh! Aber es war auch herrlich, eigentlich. Ohne zu hetzen hatten wir in Ruhe gefrühstückt und eingepackt und man konnte schon spüren, dass es ein heißer Tag werden würden. All die Idylle war anfangs an mir verloren, weil der harte Sattel meinen Hintern ordentlich maltraitierte, meine Schultern und Handgelenke schmerzten und die Beinmuskeln wie Hölle brannten. Das konnte ja noch lustig werden…

Luca radelte munter voran und wartete geduldig auf mich wie ich mich mit meinem miesen Auftakt anstellte aber irgendwann rollten wir gemächlich bergab nach Bad Tölz, ein erstes Etappenziel geschaft! Aber meine Hände waren taub und meine Schultern schon lange übelste verkrampft und ich wusste, dass die einzige Lösung war etwas an meiner Lenkerposition zu ändern, ich müsste aufrechter sitzen. Also habe ich geradewegs den ersten Radlladen angesteuert und meine Prinzipien mussten einen Niederlage einbüßen: mitten in der Wüste Gobi gäbe es so etwas nicht, hier in Oberbayern aber schon und ich habe von der luxuriösen Infrastruktur gebrauch gemacht! Ha! Kurzerhand bekam mein Lenker einen neuen aufrechteren Vorbau und ich konnte mit neuer Kraft weiter weiter dampfen! Der Offroad Weg von Lenggreis nach Bad Tölz war herrlich, Luca und ich sind geheizt wo es nur ging, haben die Kilometer gefressen und ab da fühlte sich alles super für mich an. Von irgendwoher kam neue Kraft und ich fühlte mich fit und stark. Nach kurzer Rast in Lenggries und einem Einkauf ging’s weiter, Luca wollte überhaupt nicht mehr anhalten und sofort zum Sylvensteinspeicher weiter dreschen. Leider hört irgendwann der Fahrradweg auf und bis nach Vorderriß muss man auf der Schnellstraße fahren wo die Autos und vor allem die bescheuerten Motorradfahrer an einem vorbei heizen. Nicht lustig! Aber noch weniger lustig ist der fiese, steile Anstieg an der Staumauer um den Speichersee zu erreichen! Verdammt nochmal! Das ganze Stück musste ich schieben, zum Teil kam ich nur mit Not und Mühe überhaupt voran und danach hatten wir aber immer noch 17km vor uns. Kotz! Aber auch die waren irgendwann herunter gespult und die Freude groß um endlich vom Rad zu steigen! Wir hatten uns ein schönes Plätzchen an der Isar ausgesucht wo wir die Nacht biwakieren wollten und bald düste der Brenner und zauberte uns leckere Nudeln und warmen Tee. Gerade rechtzeitig, weil vom Westen her kam der Regen schnell herangezogen, wir waren da aber schon im Zelt, schön und trocken und schliefen nach einem langen aber schönen Tag ein!

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